Hans-Roderich (Haro) Hillen
gestorben am 18.2.2006
Mein Vater ist am 18.2. um 12.03 im Krankenhaus Siegburg, Intensivstation 23, verstorben ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen, nachdem er am 15.2. urplötzlich einen Herz- und Atemstillstand erlitt.

I
ch möchte mich ausdrücklich bei den Pflegern und Schwestern der Intensivstation bedanken - ganz konkret handelt es sich hier um zwei Herren namens Olaf Thoenes und Jan Kenne-den-Nachnamen-nicht.

Eure Anwesenheit hat mir wahnsinnig geholfen. Ihr wart ehrlich, offen und gleichzeitig direkt und mitfühlend.

Die Entscheidungen, die getroffen wurden, waren richtig und kamen nur dem Unvermeidbaren zuvor, keine Frage - ich habe durchaus verstanden, was ich sah und was ich las.....aber auf der menschlichen Ebene hilft kein Datenblatt, keine Herzkurve auf einem Monitor und keine Marmorierung auf dem Bauch weiter - da helfen nur Menschen.

Und ich würde mir wirklich wünschen, daß meine Leute - wenn sie mal vor dieser Entscheidung bei mir stünden - ebensolche Menschen um sich haben werden, wie ich sie in Euch beiden hatte.

Es fällt mir schwer, auszudrücken was Ihr für mich getan habt, vielleicht ist es Euch noch nicht mal bewusst, weil sicher nicht jeder sich so unverblümt äußert oder in dieser Situation dieses vielleicht einfach auch vergisst, aber ich trage Euch beide mit tiefer Dankbarkeit im Herzen, wenn ich das so sagen darf.....


Rede anlässlich seiner Beerdigung am 2.3.2006 in Neunkirchen-Seelscheid

Persönliche Worte an die Trauergemeinde:

Ich sollte heute etwas sagen, ich wollte etwas schreiben....und obwohl mir sonst die Worte nicht fehlen, habe ich bis heute Nacht nichts Sinnvolles zu Papier gebracht. Am frühen Morgen des Begräbnisses saß ich vor einem leeren Stück Papier.....

Da ich wusste, daß ich um 14.30 die Rede halten muss, meine Mutter und alle anderen verlassen sich darauf, nehme ich Zuflucht zu dem, was ich bereits geschrieben habe, vor kurzem oder längerer Zeit.....zum Teil zusammengefasst, zum Teil erweitert, aber immer aus meinem Herzen......für meinen Vater.



Stille Zeit
(Birgit Dreiskemper)

Hier stehe ich, blicke auf Dich nieder.
Starre auf Bildschirme, versuche Zahlen zu lesen.
Ich blicke zurück und finde dich in der Vergangenheit.
Ich versuche die Zukunft zu sehen - und finde mich wieder
vor der Wand, die mir die Zukunft verbirgt.

Je länger ich nachdenke, um so mehr Facetten
Deiner Persönlichkeit, deiner Seele kommen mir in den Sinn.
Für einiges hätte ich gerne mehr Zeit gehabt,
wohl wissen, daß ich die Zeit wahrscheinlich
auch nicht besser genutzt hätte,
als ich sie bis jetzt genutzt habe.

Aber ich weiß,
daß es gut ist.
Ich weiß,
daß Du weißt
daß Du geliebt wurdest,
daß Du mein Leben gehalten hast
an seidenem Faden.

Nun stehe ich hier,
auf heiligem Boden.
Sehe in Dein Gesicht -
und finde mich selbst dort wieder.
Ich trage Dich weiter
in Ehren
und stolz,
aus Dir zu kommen,
was immer auch kommen mag.


Papa - Haro Hillen......

Jeder von uns trägt sein eigenes Bild von ihm im Herzen - jeder hatte seine eigene Meinung über ihn.

Er hat sein Leben in zwei Welten gelebt - einer äußeren und deiner inneren Welt. In dem Maße wie ich älter und dir vielleicht ähnlicher wurde, hat er viele Gedanken mit mir geteilt und ich bin dankbar dafür - ich wäre nicht der Mensch geworden, der ich bin, ohne ihn. Er hat mich gelehrt zu hinterfragen, Sinn und Motivation für Handlungen anderer zu suchen, sie anzuerkennen und zu akzeptieren. Seine ausgleichende Gerechtigkeit, sein Sinn für die geistige Ebene hat mich sicherlich besser gemacht.

Es hat für ihn niemals nur schwarz und weiß, gut und schlecht, Sekt oder Selters gegeben - Meinungen, Ansichten, Einstellungen, die Menschen und das Leben hatten für ihn viele Facetten und er hat mich gelehrt, sie zu erkennen, sie zu ergründen und wenn es irgend möglich war, zu verstehen. Ich habe von ihm gelernt, daß es immer mehrere Seiten einer Medaille gibt und daß man jeden Stein umdrehen soll, wie es auf diesem Stein auf seinem Schreibtisch geschrieben stand.

Wenn ich nun an Dich denke, Papa, so glaube ich vor allem eines: daß Du weißt, daß ich -daß wir- Dich liebten. Vor allem, daß wir dich liebten, obwohl du nicht "perfekt" warst. Ich habe Dich geliebt für das, was Du warst. Du warst Mensch, das war das wichtigste und vielleicht die höchste Kunst.


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Weil ich während meiner schweren Zeit im Sommer 2004 gelernt habe, daß man oft weniger Zeit hat als man denkt, und zudem bemerkt habe, daß ich niemals wirklich gesagt habe, daß ich liebe, schrieb ich folgenden Brief, den ich dann auch niemals abgeschickt habe:

Habe ich eigentlich schon mal gesagt, wie sehr ich liebe? Ich sitze hier und denke darüber nach und es fällt mir auf, daß ich Zuflucht nehme zu: "Das weiß er sicherlich...." - aber ist das so?

Ich sehe das Alter auf leisen Sohlen näher schleichen, mir fallen die Fältchen auf, die sich langsam zu Falten vertiefen und mir fallen die Hände auf, die mir mehr als mir lieb ist verraten, daß die Zeit Realität ist und daß Zeit kostbar ist.

Mama, die oftmals mit dem Kopf durch die Wand ging und noch heute gehen würde; Papa, der sich der Philosophie so nahe fühlt - ich habe das Beste von Euch mitbekommen, wenn ich vielleicht nicht immer das Beste daraus gemacht habe. Wir haben nicht nur gute Zeiten zusammen gehabt und nicht nur schlechte - eigentlich das ganz normale Leben eben, mit allen Aspekten, die es im Zusammen- und Miteinanderleben so gibt.

Weil das Schicksal uns zusammengefügt hat und weil du mir meistenteils mehr Verständnis gezeigt habt als ich Dir, wollte ich Dir sagen: "Ich liebe Dich". Die Zeit vergeht und ich habe Angst, daß ich den Zeitpunkt, Euch das zu sagen, verpassen könnte.

Selbstverständlich, daß man ein Kind schützt und hütet und versucht, das Beste zu tun. Selbstverständlich, daß man ein Kind zur richtigen Zeit gehen lässt, damit es sein eigenes Leben aufbaut. Selbstverständlich, daß man bereit steht, im Notfall zu helfen.

Ich habe eigene Kinder geboren und sie sind bereit, ins Leben hinauszugehen und ich schaue sie manchmal an und denke: "Was ist geworden aus meinen Träumen und Hoffnungen und Wünschen, die ich für jedes von ihnen hatte?" Sie gehen aufrecht und sicher, sind ehrlich und offen, höflich und meistenteils besonnen in Handlung und Urteil - und dann denke ich mir, daß ich es soweit gut getan habe und irgendwie gebe ich damit auch Dein Erbe weiter.

Aber all das habe ich nur hinbekommen, weil Du ein Beispiel für Liebe warst - Liebe mit Höhen und Liebe mit Tiefen, weil Du dich nie hast entmutigen lassen von mir, weil Du immer stolz warst auf mich, auch wenn´s manchmal nicht viel gab, worauf man hätte stolz sein können. Unerschütterliche, stille und unaufdringliche Liebe, immerfort.


Von Mama habe ich meinen Willen, meine Stärke, meine Fröhlichkeit, meinen Humor, meine Offenheit, meinen Kampfgeist, meine Seele und mein Herz. Von dir, Papa, habe ich die Nachdenklichkeit, die Demut und Bescheidenheit vor dem Leben, den Hang zur Philosophie, den Blick "hinter die Spiegel", die Steine, die ich immer noch umdrehe, weil Du mal gesagt hast, ich solle das tun, man wisse nie was dahinter verborgen ist, die Liebe zum Menschen und zur Natur, mein Herz und meine Seele.

Ich liebe - und mit jedem Tag, der kommt und geht, ein wenig mehr. Ich kann keine Berge und Universen versetzen -  aber ich drehe jeden Tag, der geht und kommt, einen neuen, den nächsten Stein um.
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Persönliche Worte an die Trauergemeinde:
(Ich habe, weil mir die Worte - wie eingangs erwähnt - fehlten, Ausschnitte aus Foreneinträgen und Tagebuchaufzeichnungen, die ich in der Zeit seiner Bewusstlosigkeit gemacht habe, zusammengetragen und mit weiteren Gedanken ergänzt)

Eintrag von Donnerstag, 16.2.2006, frühmorgens:

Mein Vater wurde gestern abend nach einem Herz- und Atemstillstand auf die Intensivstation gebracht. Vor und während des Transportes als auch durch die Nacht hindurch musste er mehrmals wiederbelebt werden.

Es sieht also ziemlich bescheiden aus, es steht alles in den Sternen. Ich habe den Notarzt vom Rettungswagen gesprochen und mit den Ärzten, die ihn behandeln. Ich habe das gesamte Krankenblatt von vorne bis hinten durchgelesen....und bin mir im Klaren darüber, was ich da lese.

Alle Ärzte waren davon überzeugt, daß er die Nacht nicht überleben wird: Er ist immer noch da. Nur wieviel noch von ihm da ist, das weiß ich nicht.


Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll, außer daß ich meinen Papa wiederhaben will. Ich weiß, daß das vermutlich zuviel verlangt ist.

Die Zeit wird's zeigen - jetzt arbeiten wir uns von Minute zu Stunde zu Tag und dann sehen wir weiter.
Sollte jemand von Euch gläubig sein, dann schließt ihn in Eure Gebete ein. Bittet darum, daß es so sein wird, wie er es für sich gewollt hätte.

Samstag, 18.2.2006 spätnachts

Ich möchte Euch mitteilen, daß mein Vater heute um 12 Uhr, im engsten Kreise seiner Familie, versehen mit den Sakramenten seines Glaubens, in Würde und Frieden gegangen ist.

Ich habe die Nachtwache bei Ihm gehalten, ich habe einen Pfarrer für ihn geholt, der ihm die Krankensalbung und auf meinen Wunsch hin die Sterbesakramente erteilte. In der Minute seines Todes war seine Familie bei ihm, meine Mutter, ich, mein "Ziehbruder" Markus Engels, meine Cousine als Vertreterin der Familie Hillen und ihr Ehemann sowie der Pfarrer von vergangener Nacht.

Ich habe seine Hand gehalten, als es zu Ende ging, ich habe jeden Herzschlag in meinen Fingern gespürt, bis Ruhe und Frieden einkehrte und es vorbei war. Ich bedanke mich für die Würde, mit der er gehen durfte, versehen mit den Sakramenten seines Glaubens und ganz bestimmt in einem Augenblick, der für ihn ein glücklicher war - im Zusammensein mit meiner Mutter und meinem Bruder in dieser letzen Sekunde, als er noch Dinge wahrnehmen konnte.

Er ist einer der wenigen, der sein Schicksal erfüllen durfte, ich bin sicher daß sein Gott es so für ihn gefügt hat - er war immer fest im Vertrauen auf Gott und die Kirche, trotz allem was ihm im Laufe seines Lebens Sorgen oder Kummer bereitet hat.

Ich denke, wenn ich zurückblicke auf das vergangene Jahr, daß es ein gutes Jahr für Ihn war.

Er hat gesehen, daß es Harald soweit gut ging, hat sich gefreut, daß Mama gesundheitlich ganz gut zurechtkam, daß seine Enkelchen erfolgreich ihrem Beruf nachgehen; er hat gesehen, daß es mir besser ging; er hat, so glaube ich, in diesem letzen Jahr einiges tun können und erlebt, was ihm Freude und Spaß gemacht hat.

Ich glaube, er hat nicht viele "Rechnungen offen" .... er weiß, da bin ich sicher, daß er geliebt wurde und
geliebt wird. Was er vielleicht nicht weiß, ist, welche Lücke er hinterlässt.

Vielleicht hat sein Gott, an den er immer geglaubt hat, was auch immer passiert ist, ihm - der immer auch irgendwie auf der Suche war - als letztes Ausgeglichenheit, vielleicht sogar Zufriedenheit geschenkt und vielleicht hat ihn dieser Gott dieses letzte gute Jahr, das wie ein Blitz an seinen Augen vorbeigezogen sein mag, nochmals in voller Blüte erleben lassen.

Und so ist es gut für ihn. Es hilft mir in meiner Hilflosigkeit, fest daran zu glauben, daß er in Liebe und der Sicherheit, daß es gut, -daß es für ihn vielleicht sogar  ein guter Zeitpunkt war-, gegangen ist. Ich glaube an dieses letzte Geschenk. Ich weiß nicht, wie weit der Weg ist, den er zum jetzigen Zeitpunkt zurückgelegt hat - ich weiß auch nicht, wo er hinführt. Aber ich hoffe, daß es gut ist für ihn.

Vor dem Tag des Begäbnisses, 1.3.2006:

Morgen ist es soweit - morgen um 14 Uhr wird mein Vater beerdigt. Ich muss noch die "Laudatio" schreiben, die ich in der Kirche verlesen soll; meine Hosen habe ich heute abend zum Trocknen aufgehängt in der Hoffnung, daß ich morgen nicht mit nassen Hosen am Grab stehen muss und morgen wird mein Vater beerdigt.

Ich habe dreiunddreißig Leuten erklärt, daß und warum ich morgen nicht zur Arbeit komme; ich habe in 8 Stunden soviel geschafft wie sonst in 30 Minuten. Ich habe meinen Chef getröstet, der von Kollegen hängen gelassen wird; ich habe einem schwerbehinderten Kollegen, der sich offenbar unbedingt selbst rausbefördern möchte, noch nicht auf seine E-Mail geantwortet und morgen wird mein Vater beerdigt.

Ich habe mich mit einem Kollegen herumgestritten, was genau jetzt bei der Personaleinteilung eingetragen werden soll; ich habe gesagt, daß ich vielleicht Interesse hätte, für den Betriebsrat zu kandidieren; ich habe eine Mail geschrieben und dieselbe nach drei Minuten wieder zurückgerufen und morgen wird mein Vater beerdigt.

Ich habe mich über eine Kollegin aufgeregt, die glaubt, daß auf Zuruf alle springen müssen; ich habe einem Mann Glück gewünscht, der morgen erfahren wird, ob er weiterhin die Telekom beliefert. Ich habe meine Kollegen informiert, wer das Telefon übernommen hat und ich habe den "magischen Schlüssel" an einen anderen Kollegen gegeben, auf daß er ihn hüte, bis ich wieder da bin. Und morgen wird mein Vater beerdigt.

Ich bin wie betäubt, ich habe die ganze Geschichte so oft in Bruchstücken erzählt, ich habe sie abgewandelt um die einen nicht zu verletzen, um die anderen nicht zu verschrecken, um nicht selbst den Verstand zu verlieren.

Ich erzähle sie Euch, wenn wir zusammen sind - und Ihr werdet vielleicht ein bisschen weinen und ich vielleicht mit euch, weil ich derzeit und seitdem und immer noch keine Tränen habe und innerlich wie tot bin, keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit.

Zeit - sie ist uns gegeben und sie wird uns genommen, aber immer haben wir davon zu wenig. Zu wenig Zeit, in den Arm zu nehmen; zu wenig Zeit, ein paar nette Worte zu sagen; zu wenig Zeit zu lieben. Zu wenig, zu viel, zu immerfort.....