Mein Mann ging mit den Kindern ins Kino, auf den Rummel, Schwimmen, zur Oma und zur Tante, zum Arzt, zu Elternsprechtagen, er ging einkaufen und so weiter - es war, als hätte er keine Frau und die Kinder keine Mutter - nur daß sie eine hatten: eine, die immer und ständig und stundenlang auf dem Klo saß. Wahrscheinlich hätten meine Kinder, als sie noch klein waren, ihre Mutter als Türe gemalt.

Ich sehe, daß Sie den Kopf schütteln und sich fragen:" Wieso um alles in der Welt hat dieser Mann das so lange mitgemacht? Wie kann es sein, daß er nicht gemerkt hat, was los ist und sie, wenn notwendig, an den Haaren zum Arzt geschleppt?"

Ich glaube, die Antwort ist einfach:



Liebe


Er liebt mich.

Tat es, tut es und wird, wenn das Schicksal mir gnädig ist,
es weiterhin tun.


Er hat aus Liebe meinen Erklärungen aus klugen Worten und nicht zu widerlegender Logik (glauben Sie mir, ich bin ein guter Erklärer!) geglaubt; hat sicherlich bemerkt, wie schlecht es mir manchmal ging und mich dann nach Kräften gestützt und mir geholfen; hat alles oder das meiste Unangenehme von mir ferngehalten; meine Abwesenheiten bei gesellschaftlichen Anlässen erklärt - er war einfach da und stand und steht wie ein guter Engel an meiner Seite und wenn ich nicht mehr gehen konnte, hat er mich getragen.

In der Bibel steht: Die Liebe fragt nicht, sie verurteilt nicht, sie bewertet nicht - den genauen Wortlaut kenne ich nicht, aber die Passage ist mir aus dem Hohelied der Liebe im Gedächtnis geblieben -- und er ist die Liebe.


So einfach ist das
.
In den schlimmen Wochen nach meinen Operationen, als ich sterbend da lag, dann später schlimme Gedächtnisausfälle hatte und vieles drei- und viermal erzählte, als ich Schrittchen für Schrittchen ins Leben, ins RICHTIGE LEBEN zurückkehrte, war er da. Er hat niemals, kein einziges Mal, mir einen Vorwurf gemacht, hat mich nie verurteilt oder ausgelacht und hat, in dem Maße wie ich meine Kräfte wieder zurückbekam, mich Stückchen für Stückchen losgelassen, auf daß ich auf eigenen Füßen stehen möge. Er ist immer noch da, um mich aufzufangen, wenn ich falle - aber wenn ich kann, gehe ich selber und immer mit seiner Zustimmung.

So war das die ganze schlimme Zeit durch, auch wenn es beruflichen Ärger gab. Als ich vor Jahren arbeitslos wurde und in schlimmste Depressionen und Panikattacken versank, sagte er einfach:"Ich stehe hinter Dir, egal was Du machen möchtest - zusammen schaffen wir das schon".

So einfach und so selten ist das.

Schauen Sie in sich hinein, versuchen Sie sich vorzustellen, ein geliebter Mensch lügt Sie permanent an (und irgendwie wissen Sie es), er schränkt Ihren Lebensbereich bis auf Null ein, teilt NICHTS mehr mit Ihnen in Hinsicht auf ein gesellschaftliches Leben - dann kommt er ins Krankenhaus und Sie erfahren erstmals, WAS tatsächlich anliegt; Sie realisieren, daß Sie jahrelang zum Narren gehalten wurden; Sie sitzen wochenlang am Bett von jemandem, der bereits wie gestorben aussieht; Sie müssen Ihren Kindern und Verwandten und Bekannten erklären, was ist und warum; Sie arbeiten im Wechselschichtdienst und sind in JEDER freien Minute im Krankenhaus - und dann sagen Sie mir:


Würden Sie nicht verurteilen, bewerten, anklagen?


Das hat er nicht getan, mit keinem einzigen Wort.


Noch heute, nach all diesen Erkenntnissen und Geschehnissen, stehen ihm die Tränen in den Augen, wenn die Sprache auf meinen Zustand damals, nach den Operationen, kommt. Mit all der Wut, die dieser Mann doch in sich tragen müsste, kommt nur die Angst die er damals um mich hatte, wieder hoch.

Ich kann nur sagen, er ist so viel besser als ich es verdiene.
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(geschrieben am 5.1.05)