Der richtige Zeitpunkt


Es gibt für ALLES im Leben DEN Zeitpunkt - im Film, wo ein Satz zur rechten Zeit die gesamte nachfolgende Filmhandlung zum Teufel geschickt hätte; im Streit, wo ein Wort zur rechten Zeit alles Nachfolgende vielleicht verhindert hätte; im Verkehr, wo ein Blick zur rechten Zeit vielleicht schlimmste Unfälle verhindert haben könnte......hätte und könnte.

Ich habe irgendwie auf meiner langen Reise den richtigen Zeitpunkt verpasst - ich kann heute noch nicht mal mit Bestimmtheit sagen, wann er war - Tatsache ist aber, daß es genug Möglichkeiten gegeben hat, wo ich mit ein paar Sätzen meiner Familie, meinen Bekannten und Freunden und nicht zuletzt mir selber viel, viel Kummer, Leid und Mißverständnis hätte ersparen können.

Wenn ich heute so drüber nachdenke, warum ich die magischen Worte nicht sagte, dann kann ich vielleicht wie schon früher erwähnt, nur sagen: Es war noch nicht die rechte Zeit, nicht für mich.  Für andere hätte es früher sein müssen, das gebe ich offen zu.
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Ängste und Sorgen


Aber: wenn mein Zustand "bekannt geworden" wäre, dann hätte ich mich den Fragen "warum gehst Du nicht zum Arzt?", "Kann man da nichts dran machen" und so weiter stellen müssen. Ich war aber noch nicht bereit und fähig, etwas daran zu ändern, irgendwie war es eine Mischung aus Scham, Unwissen und Angst.

Natürlich war mir klar, daß es noch andere wie mich geben musste - weil aber gerade Darmerkrankungen so ein Thema sind, worüber man nicht spricht, konnte ich mit niemandem darüber sprechen --nicht mal mit einem Arzt.

Als ich es dann tat, stellte sich erwartungsgemäß heraus, daß ich weder die einzige war die so was hatte, genauso wenig wie ich die einzige mit Stoma bin  noch daß meine Erkrankungen "unbehandelbar" seien - ich denke manchmal, daß ich damit gerechnet hatte, daß ich sterben müsse und es einfach nicht wissen wollte.

Geben Sie in einer Internet-Suchmaschine einmal das Wort "Rektumprolaps" ein und sehen Sie, was Sie an Ergebnissen herausbekommen: nada oder fast nichts - und da soll  man NICHT denken, man wäre ein schwarzer Schimmel?!

Gut, daß Sie mich dran erinnern: Ich springe in den Zeiten herum wie ein Zicklein, vor, zurück und wieder seitlich.....aber ich hoffe, Sie üben Nachsicht und können mir folgen!
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Entbehrungen


Im Zuge meiner Ausweich-, Verdunklungs-, und Ausfluchttaktiken, die einzig darauf ausgerichtet waren, einen Tag OHNE Maleur d.l.Kack hinzubekommen, war es für mich notwendig, auf alle "gefährlichen" Unternehmungen zu verzichten.

Gefährlich war alles, was Bewegung, Essen, Trinken, Lachen, also schlichtweg alles, was die Bauchmuskeln oder den Darm in Aktion versetzen könnte. Gestorben waren für mich Parties, das erwähnte ich ja bereits; Volksfeste (und ich bin eigentlich eine begeisterte Achterbahnfahrerin);  sportliche Betätigung (versuchen Sie mal, mit Durchfall Squash zu spielen!) einschließlich Spaziergängen, überhaupt Laufen von mehr als 50 Metern (mit fortschreitendem körperlichen Verfall brauchte ich wenigstens dafür keine Erklärung mehr zu finden - man fragte sich sowieso, wie ich überhaupt auf den Beinen blieb);

Schwimmen, Parties; Kneipen- und Restaurantbesuche; Autofahrten von mehr als 10 Minuten Dauer mussten stundenlang "vorgeplant" werden (und mussten dann aber auch auf "Abruf" durchgeführt werden, so lange nicht der nächste "Schub" drohte), Gespräche (ich fing meistenteils schon keine mehr an, weil ich ja nie wusste, wie lange ich noch "am Tisch sitzen" konnte.... ich bin zur Meisterin des 3-Satz-Smalltalks geworden) - das sind nur Auszüge von dem, was ich nicht mehr machte oder machen konnte und sich meiner Krankheit unterordnen musste....mit allen Konsequenzen!
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