Erste Bekanntschaft mit dem Stoma
So - nun hatte ich ja erfahren, daß man mir ein Stoma legen musste....ein vorläufiges - "machen Sie sich keine Sorgen, wir können das bestimmt zurückverlegen" - es kam in so fern nicht überraschend, als ich dazu neige, als alte Pessimistin, die ich bin, mir vorher so viel Informationen wie möglich über mögliche Katastrophen einzuholen -- daß ich jede einzelne dieser möglichen Katastrophen mitnahm, ist vielleicht etwas übertrieben, das gebe ich gerne zu.

Daher wusste ich schon im Groben, was ein Stoma ist - wie es aussieht, wusste ich auch....dachte ich!

Es taucht an meinem Bett wie aus dem Boden gehauen eine sportliche Mittvierzigerin mit Nasenpiercing und einer Figur, die seiner besten Feindin nicht wünscht auf -- das baut tierisch auf, vor allem wenn man da hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve!

"Na," sagt sie fröhlich, "aufstehen können Sie ja, haben die Schwestern gesagt. Da wird´s Zeit, daß Sie sich mit Ihrem neuen "Mitbewohner" mal bekannt machen!"  Aufstehen ja, von Gehen hat kein Mensch was gesagt....also schleift sie mich ins Bad und stellt mich ans Waschbecken.

"Geht das so?" - eine rein rhetorische Frage, außer daß die Dame sehr fröhlich ist und sehr fit, ist sie auch sehr effektiv. Ehe ich mich´s versehe, ist die Versorgung runter ---- und ich verliere den Boden unter den Füßen bei dem Gestank!! Definitiv nichts für mehrfachoperierte Kreislaufgeschädigte, und nichts für Mutters Tochter!

Sie klatscht mir erst mal eine Kompresse auf den Bauch "Wir wollen uns ja nicht auch noch auf die Füße schieten, gell?" - und setzt mich auf einen Hocker. Mittlerweile habe ich den Schwächeanfall halbwegs überstanden und wage einen Blick nach unten - ich sehe eine Kompresse. "Wollen Sie die selbst wegtun?" fragt sie - aha, sie weiß also, wie´s mir grade geht.  Ich nicke und lege das "unbekannte Wesen" auf meinem Bauch selber frei.

Eigentlich sieht es aus, als ob ich einen lilafarbenen Tischtennisball auf dem Bauch habe - sie erklärt mir, daß die rundliche Form durch die Doppelläufigkeit kommt....ein endständiges Stoma ähnelt mehr einer flacheren Scheibe mit Loch in der Mitte. Nun ja - eigentlich macht´s mir nicht viel aus und sie erklärt mir, wie ich mit der Versorgung umzugehen habe. Es hört sich kompliziert an, aber nach dem dritten Versuch funktioniert´s.

Ich muss zugeben, daß dieses Teil für mich eine Erleichterung darstellte - endlich mal Dinge tun, ohne ständig den Gedanken an die nächsterreichbare Toilette......ganz profane Sachen wie: eine Serie vollständig sehen (45 Min), ein Gespräch führen (2 Stunden), im Garten spazieren gehen (1 Stunde), ESSEN, ESSEN, ESSEN, ESSEN !

Diese Befriedigung, in der Cafeteria zu sitzen und Kuchen zu essen und einfach da zu sitzen - das kann ich niemandem nahebringen, was DAS für ein Gefühl war und noch heute ist.  Leider habe ich vor lauter Freude und Befriedigung etliche Kilos zugelegt....die Hälfte davon hätt´s auch getan.

Aber ich bin stolz darauf, daß ich so vieles tun kann, was vorher nicht möglich war - auf den Rummel, ins Restaurant, Einkaufen, Reisen, soo viele kleine Dinge, die für alle selbstverständlich sind ... und über fünf Jahre für mich nicht waren!  Hätte ich´s doch früher gemacht!